Rede von Dr. Ruthard Stachowske, gehalten anläßlich einer Gedenkveranstaltung am Ehrenmal im Tiergarten am 10.04.05
Sehr geehrte Damen und Herren,
sehr geehrter Herr Bürgermeister,
im April 2000 haben wir die Patenschaft für diesen Friedhof übernommen. Die Stadt Lüneburg
hat uns damals eine Patenschaftsurkunde überreicht. Wir, das ist die Therapeutische
Gemeinschaft Wilschenbruch, eine Einrichtung des Vereins Jugendhilfe e. V. Lüneburg, sind
eine Drogenhilfeeinrichtung, in der drogenabhängige Erwachsene und drogenabhängige
Eltern zusammen mit ihren Kindern an Therapieprozessen teilnehmen.
Die Pflege dieses Friedhofs ist der äußerlich sichtbare Teil von dem, was wir hier tun. Mehrmals
in der Woche besuchen wir diesen Platz und achten darauf, dass dies auch ein
äußerlich würdevoller Platz bleibt. Der nicht sichtbare Teil unserer Bemühungen ist jedoch
die Fürsorge für die Toten, die hier begraben wurden und die im April vor 60 Jahren in
dieser Region durch ein Massaker zu Tode gekommen sind. In den Anfangstagen des Aprils
achten wir im Besonderen auf das Klima, meistens ist es ein sehr kühles Klima, das nachts
in der Nähe des Gefrierpunktes liegt. Ein wenig können wir uns dann vorstellen, wie die
Menschen damals vor 60 Jahren hier gelitten haben, als sie nach der Katastrophe des
Bombenangriffs in der dünnen Sträflingskleidung tagelang hier in den Wäldern gelebt haben
und vom Tode bedroht waren.
Es gibt jedoch auch eine nicht erkennbare Verbindung zwischen unserer Einrichtung und
dem Friedhof - eine Verbindung, die weit über diese räumliche Nähe hinausgeht. In den
Therapien mit den erwachsenen Klienten haben wir irgendwann begreifen müssen, dass
einige dieser Klienten die Enkel von Nazitätern sind. Das heißt, sie haben in den Therapien
erlebt, dass die verdrängte deutsche Geschichte sich nicht so weit verdrängen lässt, dass
das Grauen, das damals eine zeitgeschichtliche Realität war, nicht im Mai 1945 zu Ende war.
In den Familiensystemen und den Generationen lebt die nicht verarbeitete deutsche
Geschichte weiter. Die Opfer-generationen haben für das ihnen offensichtlich zugefügte Leid
offen trauern können - die Tätergenerationen haben das versucht zu verdrängen, was nicht
zu verdrängen geht, und die Verantwortung für das Grauen, das in dieser Kultur entstanden
ist, nicht wirklich übernommen. Tilmann Moser, einer der großen deutschen
Psychotherpieforscher, hat zu der Wirkung der Täterverantwortlichkeiten geschrieben: "Dass
die Kinder der Täter und Mitläufer oft von Angst und Grauen getriebene Lebensläufe hatten,
könnte ein anderes schier unerträgliches Paradox..." Die Generation der Täter scheint kaum
gebüßt zu haben, viele ließen ihre Frauen büßen und dann ihre Kinder, da sie weiter "ihre
Opfer" brauchten; und da ist es wiederum ganz ähnlich wie in jüdischen Familien oft nur eines
aus der Reihe der Geschwister, das durch Beunruhigung und Leid die verborgene
Geschichte ans Licht bringt. Man könnte darin ein Stück transgenerationaler historischer
Gerechtigkeit sehen". (Moser in Wardi, 97, 10)
Die deutlichste Verbindung, die wir erleben mussten, war die Geschichte eines jungen
Mannes, der in unserer Einrichtung an einer Therapie teilgenommen hat - und der der Enkel
eines KZ-Wärters aus dem KZ in Wilhelmshaven war, aus dem die Toten, die hier beerdigt
sind, nach Lüneburg gekommen sind. Der junge Mann hat sich später den Überlebenden
aus Frankreich als Enkel des KZ-Wärters vorgestellt - sein Großvater ist zusammen mit dem
SS-Mann Jebsen in Hameln hingerichtet worden.
Ich stehe hier aber auch als Teil der deutschen Kultur; die das Grauen und die
Ungerechtigkeit dieser Zeit initiiert hat. Das offensichtliche Leid der Opfer, das wir heute hier
betrauern, darf nicht dazu führen, zu verkennen, dass von dieser Kultur dieses Leid
ausging. Die Verantwortlichkeit für dieses Handeln verlangt übernommen zu werden - die
Beschäftigung mit dem offensichtlichen Leid, mit den Toten hier, darf nicht dazu führen,
diese Verantwortlichkeit zu vergessen. Es ist kein Zufall, dass diese Menschen in der Zeit
vor 60 Jahren hier durch ein Massaker zu Tode gebracht wurden, sondern es ist die
schlüssige Folge einer grausamen politischen Strategie, an der viele beteiligt waren. Sich mit
dieser Verantwortlichkeit zu beschäftigen hat humanitäre Gründe - es geht darum, dass
diese Zeit in den Seelen der Generationen weiterlebt. Ich möchte Ihnen dies durch ein Zitat
verdeutlichen.
"Auch wenn es uns nicht passt, müssen wir noch die Geschichte unserer Väter und
Großväter ergründen, die sie uns zum großen Teil verheimlicht haben. Wir können erst
verlässlich wissen, wer wir sind, und was wir wollen, wenn wir genau erfahren haben, wer sie
waren und was sie gemacht haben.
Wir wollen sie nicht verletzen, aber wir fühlen uns solange unklar und unfrei, als wir ihre
Unklarheit nicht beseitigt haben". (Zitiert nach Richter, 1992, 230)
Dabei geht es mir nicht darum, die Frage der Schuld zuzuschreiben, sondern einen Prozess
der Versöhnung zu beginnen. Das die Überlebenden der Katastrophe und des Massakers
einmal im Jahr nach Lüneburg kommen und sie in dieser Region, in der sie soviel Schlimmes
erfahren haben, uns die Hand geben, ist ein Zeichen der beginnenden Versöhnung - und
diese Versöhnung ist das, was gelingen muss, damit auch die Tätergenerationen ihren
Frieden finden. Übrigens, das Wort "Versöhnen" kommt von "versuendigen", was noch
zurzeit Luthers gleich bedeutend mit "entsündigen" war. Im letzten Jahr haben uns die
Überlebenden in einem sehr bewegenden Moment die Fürsorge für ihre Toten übergeben,
sie haben Herrn Bürgermeister Fischer und uns zum Ausdruck gebracht, wie wichtig es für
sie ist zu wissen, dass ihre Toten hier in der Region Lüneburg so gut versorgt sind. Sie
haben uns dafür gedankt - und damit ist das passiert was nötig ist - die Opfergeneration hilft
uns, mit unserer Vergangenheit zurechtzukommen. Sie haben uns die Hand der Versöhnung
gegeben und damit die Chance eröffnet, mit dieser großen Verantwortlichkeit der grausamen
Geschichte umzugehen.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit bisher.
Dr. Ruthard Stachowske
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