seitenpfad.de - fotografie

Zum 1. Mai 2006: Gewerkschaften und Prekarisierung

Lüneburg, 1. Mai 1999

Das waren noch Zeiten, als es zum 1. Mai noch klare Fronten gab und gewerkschaftliche Agitatoren mit klassenkämpferischen Parolen ihre Arbeiter- und Angestelltenklientel erreichen konnten. Man fühlte sich machtvoll solidarisch, wusste wo der Feind saß in der Wirtschaft und in der mit ihr interessenliierten Politik.

Umgeben von Transparenten, roten Fahnen und Luftballons, bei Blasmusik und Würstchenständen konnten ArbeitnehmerInnen sich wohlfühlen in der Hoffnung, es werde sich in diesem Klassenkampf noch etwas zum Besseren für sie bewegen lassen.

Mittlerweile ist Ernüchterung eingetreten: In Zeiten der Globalisierung machen die alten Grabenkämpfe eben keinen Sinn mehr. Arbeits- und Lebensverhältnisse sind komplexer geworden. Sie unterliegen einem rasanten Wandel, der zunehmend viele Menschen in existentielle Unsicherheit abstürzen läßt, weil sie trotz hoher beruflicher Qualifikationen auf dem Arbeitsmarkt keine Chancen mehr erhalten, in einem langfristig sicheren Anstellungsverhältnis unterzukommen.

So werden z.B. HochschulabsolventInnen in unbezahlten Praktikumsstellen ausgebeutet, in denen sie hochmotiviert ihr ganzes Können und ihre Kräfte einsetzen in der für sie leider oft trügerischen Hoffnung, ihr Engagement könnte sich in Form einer festen Anstellung auszahlen.

Foto aus noch besseren Zeiten am 1. Mai 1999 auf dem Marktplatz zu Lüneburg.

Da sich viele Betroffene in ihrer prekären Lage, d.h. in ihrer existentiellen Unsicherheit nicht mehr von den Gewerkschaftsprotesten vertreten fühlen, hat sich europaweite eine neue Protestbewegung der Prekarisierten gebildet, die auf Euro MayDay Paraden ihren Protest auf originelle aber weniger ritualisierte Weise zum Ausdruck bringen. Sie solidarisieren sich dabei mit Menschen, die in extrem prekarisierten Verhältnissen leben wie zum Beispiel Flüchtlinge.

Ein Versuch im Vorjahr, die prekäre Lebenssituation von Menschen in einem sogenannten "Prekär-Camp" im Wendland zu thematisieren und als aufklärende Aktionen in die Öffentlichkeit zu tragen, scheiterte, weil Staatsanwaltschaft und Staatschutz in einer rechtswidrigen Aktion zuschlugen und die Räume einer alternativen Zeitschrift durchsuchten. (J.P.)

 
 
 
 
 
 

Der Mobilitätsimperativ

von Maria Petersen

Der Kapitalismus der Gegenwart kennzeichnet sich durch einen permanenten Konkurrenzkampf auf Produkt-, Arbeits-, Finanz- und Dienstleistungsmärkten. Diese jüngste Phase des Kapitalismus, so die These von Boltanski und Chiapello, vollzieht sich über einen Mobilitäts- und Flexibilitätsimperativ in einem sich zunehmend auf Netzwerke und Netzwerkmetaphern stützenden avancierten Wirtschaftsfeld. Der Transformationsprozess der letzten Jahrzehnte bringt „schlanke“ Unternehmen mit flacher Hierarchie und kundengesteuerter Kontrolle hervor, die das wettbewerbsfähige Kerngeschäft aufrechterhalten und stark vernetzt arbeiten.

Das neue Anforderungsprofil an Führungskräfte wird von einem neuen Rechtfertigungsapparat, der „cité par projets“, unterstützt. Es ist Teil eines neuen Geistes des Kapitalismus, der sie motivieren und ihrem Engagement einen höheren Sinn verleihen soll. Das auf Sicherheit bedachte Karrieremodell der wohlfahrtsstaatlichen Phase des zweiten Geistes des Kapitalismus weicht einem Modell der zeitlich begrenzten, auf einander folgenden Arbeitsprojekte, bei dem das Beschäftigungsrisiko beim Einzelnen liegt. Um im Beschäftigungsfluss zu bleiben, müssen sich die Arbeitskräfte von Projekt zu Projekt bewähren und über bestimmte Fähigkeiten gemäß der Netzwerklogik verfügen. Eine hohe Wertigkeit weisen solche Merkmale auf wie Projektgenerierungskompetenz, Integrationsvermögen und die Bereitschaft, sich flexibel, mobil und allzeit verfügbar zu zeigen. Zugleich sind Werte wie Sicherheit, Stabilität und Dauerhaftigkeit obsolet. Diese werden ersetzt durch Autonomie und Flexibilitäts- bzw. Ungebundenheitsmaxime. Zum Leitbild wird der ungebundene, „leichte Mensch“, der sich durch verzweigte Netzwerken mit schwachen Verbindungen bewegt.

Die Transformation bzw. Mutation des Systems ist mit der Ausbreitung prekärer Beschäftigungsverhältnisse verbunden. Teilzeit-, Leih- und Zeitarbeit gehören genauso dazu wie (meist unbezahlte) Praktikantenstellen. Die Marktunsicherheit des Unternehmens wird auf die Arbeitskräfte abgewälzt, die ihrerseits ein erhöhtes Maß an beruflicher und geografischer Mobilität aufbringen müssen, um sich in einem Beschäftigungssystem zu behaupten, das sich zunehmend durch Diskontinuitäten, Jobwechsel und Zeiten der Erwerbslosigkeit auszeichnet. Vertikale und horizontale Mobilität stellen sich immer weniger als Möglichkeit oder Chance dar, sondern zunehmend als Zwang.

Das Prinzip der größtmöglichen Mobilität von Produktionsfaktoren wie Geld, Ware und Arbeitskraft ist nicht neu. Es ist im Prinzip Bestandteil des kapitalistischen Weltsystems seit seiner Herausbildung im „langen 16. Jahrhundert“. Unterschiedliche Theoretiker fragen daher, inwieweit sich in jüngerer Zeit wirklich eine Metamorphose des Systems oder gar ein neues System bzw. ein „neuer Geist“ des Kapitalismus herausgebildet haben. Während der Kolonialismus des 19. Jahrhunderts wertvolle Bodenschätze mobil werden ließ, die von den Kolonien in die Zentren transportiert wurden, bemächtigt sich heute der kognitive wissensbasierte Kapitalismus der Ressource Wissen im Sinne von Humankapital. Es wird für den eigenen Profit und Nutzen mobilisiert. Gemäß der magischen Logik der „unsichtbaren Hand“ soll dies gemäß Vorstellungen, die von Adam Smith entwickelt wurden, zur allgemeinen Wohlfahrt beitragen. So entwickelt sich ein Mobilitätsregime, gestützt auf ein Anreizsystem zur Anwerbung hochwertiger außereuropäischer Humanressourcenträger und ein Mobilitätszwang für die Arbeitskraftreserve (Prekarisierte und Hartz IV-Empfänger). Eine komplexe Mobilitätskontrolle (Verweigerung von Immigration und Bleiberecht) verhindert andererseits, dass sich Arbeitskräfte aus Ländern der Peripherie, oftmals ehemalige Kolonien, in die Wohlstandsgesellschaften des Westens integrieren können.

Literatur:
Boltanski, Luc /Chiapello, Eve: Der neue Geist des Kapitalismus. Konstanz 2003
Bourdieu, Pierre: Prekarität ist überall. In: ders.: Gegenfeuer. Konstanz 1998.
Le monde précaire. Zeitung für den EuroMayday 2005.
Homepage von Attac (2.03.2006)

Start

© Gisela und Joachim Petersen